anfangs, als ehemalige Lehrerin zu sehr als solche wahrgenommen zu werden. Ich woll- te als Gleichgesinnte unter Gleichgesinnten sein. Das, glaube ich, ist mir im Laufe der Zeit geglückt. Edelgard Wündsch: Man setzt auch vo- raus, dass die anderen sich konzentrieren können. Dazu kommt die Bereitschaft, zuzu- hören und nachzufragen. Vielleicht auch mal im Internet oder im Duden nachzuschlagen. Es gibt ja keine Vorschriften, wie man sich vorbereitet - so wie jeder es kann, wird das vorgetragen. Welche Herausforderungen begegnen Ihnen? Doris Heinze: Einmal habe ich über Christa Wolf gesprochen und war danach sehr un- glücklich. Ich hatte das Thema zu hoch an- gesetzt, war über die Köpfe der Zuhörerin- nen hinweggegangen. Das passiert Lehrern manchmal - man merkt es selbst kaum. Alle hörten zwar zu, aber es war nicht das Rich- tige. Da hat mich eine Mitstreiterin getröstet, und ich hatte beinahe geweint. Eine wichtige Erkenntnis: Man muss das Niveau treffen. Man muss wirklich miteinander sprechen, nicht aneinander vorbei. Edelgard Wündsch: Es gibt ja auch immer wieder Mitglieder, die weniger sprechen und mehr zuhören. Aber man merkt trotzdem: Derjenige hört zu und ist interessiert. Und wer wirklich nicht bereit ist, etwas Neues aufzunehmen, der kommt einfach nicht wie- der. Diejenigen, die noch immer kommen, wollen das auch - und fühlen sich angeregt. Können Sie ein besonders prägendes Er- lebnis erzählen? Doris Heinze: Ein Mitglied unseres Zirkels, das nicht mit Literatur aufgewachsen war, hatte anfangs große Hemmungen, vor ande- ren zu sprechen. Im Laufe der Jahre hat sie sich merklich entwickelt, traute sich mehr, brachte Beiträge mit. Als wir dann ihren 90. Geburtstag feierten, erschien sie mit dem Rollator - und als Einzige hatte sie ein Ge- dicht vorbereitet, mehrere Ausfertigungen davon in ihrer Tasche, zum Verteilen. Das hat mich wirklich sehr bewegt. Man sagt, Men- schen könnten sich ab einem gewissen Alter nicht mehr entwickeln. Das stimmt nicht. Wie beeinflusst das Engagement Ihr Le- ben? Edelgard Wündsch: Es hat uns zu Thea- terbesuchen angeregt, zu Reisen, zu neuen Lektüren. Aus dem Zirkel sind echte Freund- schaften entstanden, die weit über das ge- meinsame Lesen hinausgehen. Wir haben uns zu Weihnachten getroffen, haben zu- sammen gegessen, haben uns gegenseitig besucht, auch als einige von uns ins Pflege- heim mussten. Doris Heinze: Ja, es waren vor allem die Theaterbesuche und gemeinsamen Ausflü- ge - hier in Jena, aber auch in Gera, Mei- ningen, Gotha. Wir hatten sogar einmal den Dramaturgen und den Schauspieldirektor zu Besuch, nachdem wir Nathan der Weise gesehen hatten. Die haben sich ungeheuer wohl gefühlt. Und ich erinnere mich noch gut an die Exkursion nach Eisenach, wo wir in einem Turm übernachteten - mit einem Was- serbett, das schließlich zwei von uns teilen mussten. Das war auch eine Lebenserfah- rung. Was hat der Zirkel Ihnen persönlich ge- geben? Doris Heinze: Ganz am Anfang brachte eine Teilnehmerin ein Buch des mongolischen Schriftstellers Galsan Tschinag mit - ein Im- puls, den ich nie erwartet hatte. Ich habe mich daraufhin jahrelang mit ihm beschäf- tigt, und später war er sogar zu einer Lesung in Jena. Diese konzentrischen Kreise, wie ein Impuls immer weitere Kreise zieht, das ist das eigentlich Schöne. Man weiß nie, wohin ein Gespräch führt. Ich bin durch den Zirkel gewachsen. Edelgard Wündsch: Mir hat es eben auch das gegeben, was ich mir versprochen hat- te. Ich habe noch in einem zweiten Literatur- zirkel beim DRK in der Dammstraße mitge- macht, der schon einige Jahre bestand. Dort waren die Zusammenkünfte alle 14 Tage, hier monatlich - das ließ sich gut zusammen unter einen Hut bringen. Und überall sind Freundschaften entstanden, die ich nicht missen möchte. Was bedeuten Ihnen 25 Jahre Literatur- zirkel? Doris Heinze: Es bedeutet mir sehr viel. 25 Jahre - das ist keine Kleinigkeit. Ich bin gewachsen, ich habe Menschen kennen- gelernt, die ich sonst nie getroffen hätte. Ich habe Impulse erhalten, die mein Lesen und Denken bis heute prägen. Und ich habe erlebt, wie Menschen aufgeblüht sind, die eigentlich keine literarische Sozialisation hatten. Das erfüllt mich wirklich. Und ich bin immer wieder dankbar, dass die Leute kom- men und dass wir uns so gut verstehen. Edelgard Wündsch: Wir haben im Laufe der Jahre zusammengefunden und sind zu- sammengewachsen. Das ist etwas Beson- deres. Wie wichtig ist Ihnen ehrenamtliches En- gagement in der Gesellschaft? Edelgard Wündsch: Es ist sehr wichtig. Wenn diese ehrenamtliche Schiene wegfal- len würde, würde vieles fehlen - gerade in Zeiten, in denen die Gelder knapper werden. Ich beobachte, dass Ältere eher bereit sind, ehrenamtliche Aufgaben zu übernehmen als Jüngere. Wenn sich das nicht ändert, wäre das schade. Doris Heinze: Ich möchte noch betonen: Den Lesezirkel habe ich nicht übernommen, um der Gesellschaft einen Gefallen zu tun. Den Mehrwert sehe ich ehrlich gesagt mehr für mich selbst. Die Gesellschaft tut mir einen Gefallen, indem sie mir die Möglichkeit gibt, mit Gleichgesinnten zusammenzukommen. Wenn man das Menschen vermitteln könnte - was Ehrenamt auch dir selbst gibt - würden sich vielleicht mehr finden. Welche Botschaft möchten Sie Men- schen mit auf den Weg geben, die über- legen, sich zu engagieren? Doris Heinze: Nichts bist du ohne die an- deren. Das ist meine Botschaft. Jeder soll etwas finden, das zu ihm passt, und keine Angst haben. Man muss sich irgendwann mal durchringen, mal zu einer Veranstaltung gehen. Und dann ergibt sich etwas. Jenseits der 80 sage ich das - und ich meine es von ganzem Herzen. Edelgard Wündsch: Und wenn man selbst begeistert ist, kann man vielleicht für andere etwas entzünden. So war es bei uns. So ent- stehen neue Kreise. 15